Nachgedacht

Wt gehorsam ist Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.

Psalm 77,3

In der Zeit meiner Not suche ich den Herrn; meine Hand ist des Nachts ausgereckt und lässt nicht ab; denn meine Seele will sich nicht trösten lassen.

Der Beter des 77. Psalms, aus dem unser Andachtswort entnommen ist, hatte vergeblich auf ein Zeichen der Zuwendung Gottes gewartet. So mancher hat ähnlich wie er in seiner Not gemeint: „Gott hat mich verlassen, Gott ist nicht da.“ Das kann ratlos machen. Und doch ist der Beter dieses Psalms nicht beim fruchtlosen Grübeln über die Vergangenheit hängen geblieben. Dem, der einst unsichtbar gegenwärtig war und der seinerzeit Israel in die Freiheit führte, will er sich auch mitten in der Finsternis seiner Not anvertrauen, selbst wenn äußerlich alles dagegen sprechen mag. Gott kann und wird auch jetzt nicht ferne sein. Und so erinnert er sich an Worte, die Gott als den Schöpfer der Welt loben: „Du bist der Gott, der Wunder tut“ (V. 15) und die ihn als Befreier Israels preisen, der einst sein Volk durchs Rote Meer zur Freiheit führte: „Gott, dein Weg ist heilig“ (V. 14). Auch Jesus selbst hat in seinem Menschsein solch schmerzliche Erfahrungen erleben müssen. Er wurde abgelehnt, weil viele ihn nicht verstanden haben oder nicht verstehen wollten. Menschen, die er lieb gewonnen hatte, verließen ihn, und einer seiner Freunde lieferte ihn sogar seinen Feinden aus. Im Garten Gethsemane überfiel ihn Todesangst, und am Kreuz auf Golgatha schrie er; „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34) Weil selbst Jesus durch quälende Erfahrungen gehen musste, dürfen wir wissen, dass er auch darin unser Bruder ist. Darüber hinaus ist es gut, sich in Zeiten der Not an vergangene Führungen zu erinnern, sich in verzweifelten Lagen an Bibelworte oder Liedtexte zu klammern, an denen man sich gleichsam wie an einem Geländer vorwärts tasten kann. Ich kann mich dann daran halten, dass Jesus gesagt hat: „Ich bin der Weg“ (Joh 14,6), selbst wenn ich nicht weiß, wohin mein Weg mich führt. Ich darf mich darauf verlassen, dass er bei mir ist – auch in Zeiten der Not, wenn ich ratlos bin, selbst wenn ich zuweilen seine Nähe nicht verspüre. Und wenn du dann selbst erfahren hast, dass Gott dich aus der Not wieder herausgeführt hat und du heute dankbar als sein Kind vor ihm leben darfst, dann erbitte offene Augen und ein ermutigendes Wort, um denen Bruder oder Schwester zu sein, die sich jetzt von Gott verlassen fühlen.


Manfred Böttcher

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